435 Millionen Euro Kosten für Strom, der nie genutzt wurde. Die Zahl, die SPIEGEL ONLINE zitiert sitzt erstmal. Und sie lädt zu schnellen Schlussfolgerungen ein. Doch wer nur auf diese Zahl schaut, verpasst das Wesentliche.
Deutschland hat kein Problem mit ungenutztem Strom. Deutschland hat ein Systemproblem.
Wind und Sonne liefern heute zuverlässig große Mengen Energie. Richtig ist: An vielen Tagen mehr, als lokal verbraucht werden kann. Denn das System, in das dieser Strom fließt, stammt – zum Teil jedenfalls noch – aus einer anderen Zeit. Eine Zeit zentraler Kraftwerke, planbarer Lasten und klarer Flussrichtungen. Heute entsteht Strom dezentral. Er schwankt. Und er folgt anderen Logiken als ein Kohlekraftwerk. Das Netz, die Speicher und die Marktmechanismen entwickeln sich – aber langsamer als die Erzeugung. Hier entsteht die Lücke.
Wenn Netze ausgelastet sind, werden Anlagen geregelt, weil das System den produzierten Strom in diesem Moment nicht aufnehmen kann. Die Entschädigung gleicht diesen Eingriff aus. Sie schafft Investitionssicherheit. Und sie ermöglicht überhaupt erst den Ausbau. Ein Energiesystem ohne solche Mechanismen würde sofort ins Stocken geraten.
Vom Energie- zum Systemdenken
435 Millionen Euro: Diese Zahl beschreibt den Preis für fehlende Systemkopplung. Sie macht sichtbar, wo das System noch nicht Schritt hält. Jeder Euro in dieser Kategorie ist ein Signal: Hier fehlt Infrastruktur. Hier fehlt Steuerung. Hier fehlt Integration. Der entscheidende Schritt liegt nicht allein im Ausbau der Leitungen, sondern im Umbau des Systems. Ein modernes Energiesystem denkt in Zusammenhängen:
- Netze werden zur zentralen Infrastruktur
- Speicher übernehmen eine tragende Rolle
- Flexibilität wird zum wirtschaftlichen Faktor
- Marktmechanismen steuern Verhalten in Echtzeit
Ein häufiger Reflex lautet dennoch: Dann braucht es eben schnell mehr Netze. Dickere Kabel. Mehr Trassen. Das, was jahrelang aufgeschoben und verzögert wurde. Dieser Gedanke ist grundsätzlich richtig und greift doch zu kurz. Ein Energiesystem, das ausschließlich auf Transport setzt, löst das zentrale Problem nicht. Strom würde weiterhin zur falschen Zeit am falschen Ort entstehen – nur über größere Distanzen verteilt. Hinzu kommt: Große Nord-Süd-Trassen werden heute vielfach als Erdkabel realisiert – nicht zuletzt, um Akzeptanz vor Ort zu sichern. Was politisch sinnvoll ist, verändert die Realität des Ausbaus. Planung wird komplexer. Genehmigungsverfahren werden aufwendiger. Bauzeiten verlängern sich. Als Gesellschaft haben wir uns bewusst für Akzeptanz statt Geschwindigkeit entschieden – und leben jetzt mit den Konsequenzen im System.
Erzeugung. Speicherung. Verbrauch. Vermarktung. Diese Elemente müssen ineinander greifen. Hybride Systeme aus Photovoltaik, Speicher und intelligenter Steuerung verschieben Strom in die richtigen Zeitfenster. Digitale Schnittstellen verbinden Angebot und Nachfrage. Flexible Verbraucher reagieren auf Preissignale. Nur so entsteht ein System, das Energie nicht nur produziert – sondern lenkt.
Es bleibt dabei: Die Energiewende ist nicht nur der Tausch von fossilen Energieträgern gegen erneuerbare Energiequellen, sondern auch der Tausch von physischer Trägheit gegen digitale Intelligenz.
Die Energiewende wird erwachsen
Die Phase der reinen Ausbauzahlen liegt hinter uns. Jetzt entscheidet sich, wie gut das System als Ganzes funktioniert. Diese 435 Millionen Euro sind kein Zeichen von Scheitern. Sie markieren den Übergang in diese neue Phase. Eine Phase, in der nicht mehr einzelne Technologien im Mittelpunkt stehen – sondern das Zusammenspiel.
- Infrastruktur muss Schritt halten
- Netzausbau und Digitalisierung brauchen Tempo
- Speicherlösungen müssen wirtschaftlich skalieren
- Marktmechanismen müssen Flexibilität belohnen
Und vor allem: Die einzelnen Bausteine brauchen eine klare Reihenfolge und saubere Übergänge. Nur so entsteht Investitionssicherheit.
Und jetzt mal anders gerechnet
Der von Erneuerbaren in Deutschland erzeugte Strom (254,9 TWh) hatte 2024 an der Börse einen Wert in einer Größenordnung von rund 20 Milliarden Euro. Die 435 Millionen Euro für Abregelung entsprechen damit grob etwas über zwei Prozent. Dieselbe Energiemenge aus fossiler Energie zu erzeugen hätte – Brennstoffe sowie die CO₂-Zertifikate inklusive – in einer Größenordnung von rund 20 bis 25 Milliarden Euro gelegen. Wir zahlen also gerade einen sehr kleinen Preis für den Umbau – und bauen damit ein System, das sich langfristig selbst stabilisiert. Die Alternative wäre, ein System weiter zu betreiben, das jeden Tag Geld verbrennt.