Die Energiewende ist nicht nur der Tausch von fossilen Energieträgern gegen erneuerbare Energiequellen, sondern auch der Tausch von physischer Trägheit gegen digitale Intelligenz. Diese digitale Intelligenz ist heute die unsichtbare Säule der Energieversorgung.
Lange Zeit war Stabilität im Stromsystem ein Nebenprodukt der Physik. Große Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke besaßen rotierende Massen, mechanische Trägheit und eine Planbarkeit, die Fehler verzieh. Frequenz und Spannung hielten sich nicht deshalb stabil, weil jemand sie permanent berechnete, sondern weil das System selbst stabilisierend wirkte. Energiepolitik konnte sich auf Kapazitäten, Brennstoffe und Netze konzentrieren – die Intelligenz steckte im Material.
Mit dem Übergang zu einem erneuerbaren, dezentralen Energiesystem verschwindet diese physische Trägheit – auch wenn wir uns eine Reserve vorhalten. Wind und Sonne liefern volatil, Millionen Einspeiser und Verbraucher verändern das Netz in Sekunden, nicht in Stunden. Was früher mechanisch abgefedert wurde, muss heute aktiv gesteuert werden. Stabilität entsteht nicht mehr aus Masse, sondern aus Rechenleistung.
An dieser Stelle stützt die unsichtbare Säule das System: KI, Cloud-Infrastruktur und hochautomatisierte Steuerung. Ohne diese Elemente wäre ein modernes Stromnetz nicht betreibbar. Prognosemodelle berechnen Wetter, Last und Preise. Algorithmen entscheiden in Millisekunden über Redispatch, Speicherabruf oder Lastverschiebung. Cloud-Plattformen bündeln und verarbeiten Datenmengen, die lokal nicht mehr beherrschbar wären, und verbinden Netze, Märkte und Akteure über Ländergrenzen hinweg. Das Energiesystem ist damit zu einem gigantischen Rechensystem geworden.
Dieser Tausch ist realer Fortschritt. Er macht das System effizienter, flexibler und klimakompatibel. Der Tausch macht uns auch unabhängig von fossilen Energien und den dazugehörigen Lieferketten. Gleichzeitig macht er es abhängiger. Abhängiger von IT-Systemen, von Datenverbindungen, von Rechenzentren, von Software – und von deren Sicherheit. Wo früher ein physischer Defekt lokal begrenzt blieb, kann heute ein digitaler oder physischer Angriff systemische Wirkung entfalten.
Der jüngste Stromausfall in Berlin, ausgelöst durch einen gezielten Brandanschlag, zu dem sich eine extremistische Gruppierung unter dem Namen „Vulkangruppe“ bekannte, hat diese Realität brutal sichtbar gemacht. Der Angriff richtete sich nicht gegen ein Rechenzentrum oder eine Software, sondern gegen eine vergleichsweise banale physische Infrastruktur – eines Gaskraftwerks. Und doch zeigte er, wie verwundbar ein hochvernetztes System ist, wenn eine seiner tragenden Komponenten ausfällt. Digitale Intelligenz kann viel kompensieren – sie kann physische Zerstörung nicht verhindern.
Das Bekennerschreiben zu Lichterfelde liest sich wie eine Abrechnung mit der digitalen Moderne, in der nebenbei fossile Energieträger und Erneuerbare Energien in einem einzigen Feindbild verschwimmen. Cloud und KI werden nicht als neutrale oder gar segensreiche Infrastruktur, sondern als Käfig verstanden, in dem Menschen zu Gefangenen eines allumfassenden Systems gemacht würden. Daneben bemängeln die Verfasser den Ressourcenverbrauch dieser Technologien an, die dem Klimawandel Vorschub leisten würden. Tja. Was ist die Alternative? Weiter Öl verbrennen oder Uran spalten? Gleich zurück auf die Bäume. Es scheint Menschen zu geben, denen das als gute Alternative erscheint.
Für Energieunternehmen ist das eine unbequeme, aber notwendige Erkenntnis. Auch für EE-Unternehmen – obwohl wir ja eigentlich denken, wir sind die Guten. So wie es aussieht brauchen auch die Erneuerbaren Schutz – wenn nicht unsere Anlagen, dann doch die digitale Infrastruktur, ohne die unsere Anlagen nutzlos sind. So wie es aussieht, sind wir von freundlichen Solateuren zu Energiebonzen geworden. Das ist, ich sag es wie es ist, ein ungewohntes und vor allem kein schönes Gefühl.
Natürlich liegt es in unserer Verantwortung, Netze, IT-Systeme und Prozesse angemessen zu schützen. Cyber-Security, Redundanzen und Notfallkonzepte gehören längst zum operativen Alltag. Großspeicher müssen Cyber-Security-Vorgaben ebntsprechen, wenn sie über SCADA/IT-Systeme gesteuert werden. Aber diese Vorgaben macht zum Teil noch der Netzbetreiber. Nicht der Staat. Die europäische Richtlinie „Network and Information Security Directive 2“, die neue EU-weite Cybersecurity-Grundverordnung für kritische und wichtige Einrichtungen, ist in Deutschland erst – und natürlich verspätet – in der Umsetzung.
Wir müssen selbstkritisch anerkennen, dass im hohen Umsetzungstempo der Energiewende der Gedanke an neue Verwundbarkeiten nicht immer die gleiche Priorität hatte wie Ausbauzahlen, Marktmechanismen oder Effizienzgewinne.
Was jedoch klar benannt werden muss: Öffentliche Sicherheit und der Schutz vor gezielten Anschlägen sind keine unternehmerische Zusatzaufgabe, sondern ein staatlicher Kernauftrag. Ein digital intelligentes Energiesystem ist Teil der kritischen Infrastruktur eines Landes. Es funktioniert nur, wenn der Staat seinen Kernauftrag „Schutz und Sicherheit“ auch für diese neue, unsichtbare Säule ernst nimmt – physisch wie digital.
Die nächste Herausforderung der Energiewende liegt deshalb nicht allein im Bau von Anlagen oder Netzen. Sie liegt in der Architektur eines Systems, das seine Stabilität nicht mehr aus Trägheit bezieht, sondern aus Intelligenz. Diese Intelligenz braucht Rechenleistung, Daten und Algorithmen – aber sie braucht ebenso klare Zuständigkeiten, Schutzkonzepte und politische Ehrlichkeit über Risiken und Abhängigkeiten.
Die Energiewende ist damit kein rein technisches oder ökologisches Projekt mehr. Sie ist ein sicherheitspolitisches. Wir haben physische Trägheit abgeschafft. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass digitale Intelligenz nicht zur Achillesferse wird, sondern zu einer tragfähigen, geschützten Säule unseres Gemeinwesens.