Warum ich optimistisch bleibe
Das Jahr 2025 hat auf den ersten Blick zugegebenermaßen wenig Anlass zur Zuversicht gegeben. Die energiepolitischen Debatten wirkten „reichlich“ oft defensiv, getrieben von Krisen, geopolitischen Unsicherheiten, ideologischen Befindlichkeiten und der – aus meiner Sicht – völlig falsch gestellten Frage, wie teuer diese Transformation eigentlich noch werden darf. Und doch lohnt sich – gerade jetzt – ein nüchterner Blick zurück. Denn zwischen Schlagzeilen und Stimmungsumschwüngen hat sich mehr bewegt, als man auf den ersten Blick meint.
Ein bemerkenswerter Impuls kam ausgerechnet von einer der prägendsten politischen Figuren der letzten Jahrzehnte: Angela Merkel. In einem aktuellen Interview räumt sie ein, dass sie in ihrer Amtszeit mehr für den Klimaschutz hätte tun können. Dieses Eingeständnis ist mehr als persönliche Selbstkritik. Es markiert einen politischen Lernprozess, der heute breiter geteilt wird als je zuvor. Die Erkenntnis, dass Klimaschutz, Energieversorgung und wirtschaftliche Stärke zusammen gedacht werden müssen, setzt sich immer weiter durch – in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Rückblick: Was 2025 wirklich gebracht hat
Rückblickend wird 2025 nicht als das Jahr der großen Durchbrüche in Erinnerung bleiben, wohl aber als ein Jahr der strukturellen Festigung. Klimapolitisch wurde offener über Versäumnisse und Auswüchse gesprochen – ein wichtiger Schritt, um Blockaden zu lösen. Energiepolitisch verlagerte sich der Fokus weg von kurzfristigen Um- und Ausbaumaßnahmen hin zu langfristigen Systemfragen: Netze, Speicher, Resilienz. Industriepolitisch kehrte ein Stück Planungssicherheit zurück, insbesondere bei den Strompreisen, die für die Industrie wieder auf Vorkriegsniveau angelangt sind.
Es sind Entwicklungen auf denen 2026 aufbauen kann. Zwar zeichnet sich aus wirtschaftlicher Sicht auch 2026 kein „großes Comeback“ ab – aber eben eine reale Stabilisierung, die vorsichtigen Optimismus erlaubt. Nach Jahren schwacher oder stagnierender Konjunktur erwarten mehrere Institute für 2026 wieder positives Wachstum, auch wenn es moderat ausfällt: Die Prognosen liegen für das BIP bei rund einem Prozent und etwas darüber – ein klarer Schritt weg von Rezession oder Stillstand. Als alleinige Ausrede für die schlechte Lage können die Industriestrompreise jedenfalls nicht mehr dienen. Als Unternehmer erlebe ich eine Verschiebung vom defensiven Abwarten hin zu einer vorsichtigen, aber realistischen Erwartung wachsender Chancen ab. Die deutsche Wirtschaft blickt 2026 mit mehr Mut und Perspektive in die Zukunft – und das ist gerade nach einer langen Phase der Unsicherheit ein wichtiges Signal.
Die guten Nachrichten – und warum sie bleiben
Aus meiner Sicht gibt es mindestens vier Gründe, warum wir energiepolitisch mit berechtigtem Optimismus nach vorn schauen dürfen:
Solarenergie ist global nicht mehr aufzuhalten
Solarenergie ist heute weltweit die am schnellsten wachsende Energiequelle. Und das Entscheidende ist: Sie wird diese Rolle nicht mehr verlieren. Die Kombination aus niedrigen Kosten, schneller Umsetzbarkeit und technologischer Reife macht Solar zum Rückgrat neuer Energiesysteme – unabhängig von politischer Großwetterlage. Wohlgemerkt zum Rückgrat. Dass dieses Rückgrat weitere Stabilisatoren braucht, muss dennoch auch den größten Solarfans klar sein.
Deutschland ist technologisch besser als sein Ruf
Deutschland ist bei einer zentralen Zukunftstechnologie – den netzbildenden Wechselrichtern – international führend. Technologisch auf Augenhöhe und in Teilen sogar vor China. Diese Schlüsseltechnologie sorgt dafür, dass Stromnetze mit hohem Erneuerbaren-Anteil überhaupt stabil betrieben werden können. Hier liegt eine industrielle Stärke, die strategisch enorm wertvoll ist.
Netzausbau und Preise: Mehr erreicht als geplant
Beim Ausbau der Stromnetze wurden inzwischen mehr Leitungen genehmigt als ursprünglich vorgesehen, d.h. die Genehmigungszahlen übersteigen die bisherigen Jahres- und Prognosewerte deutlich. Diese Entwicklung ist nicht „einfach so“ passiert, sondern das spürbare Ergebnis jahrelanger Reformen in Planung und Genehmigung. Es tut sich was! Trotzdem liegen die Strompreise für die Industrie wieder etwa auf dem Niveau vor dem Ukrainekrieg. Das nimmt Druck aus der Transformationsdebatte – und entkräftet das Argument, Klimaschutz sei zwangsläufig ein Wettbewerbsnachteil.
E-Mobilität: Der Durchbruch kommt leise – aber unumkehrbar
Ein weiterer Grund für vorsichtigen Optimismus liegt dort, wo die Debatte in Deutschland besonders emotional geführt wird: bei der E-Mobilität. Auch hier gilt: Der Durchbruch kommt nicht als Paukenschlag, sondern als schleichender Kipppunkt. Vieles spricht dafür, dass wir genau an diesem Punkt stehen. Im Neuwagenmarkt ist das Elektroauto längst aus der Nische herausgewachsen. In einzelnen Monaten lag der Anteil batterieelektrischer Fahrzeuge bereits bei über einem Fünftel der Neuzulassungen. Entscheidend ist für mich aber weniger die exakte Zahl als die Dynamik dahinter: Ab dieser Größenordnung verändern sich Angebot, Infrastruktur und Erwartungshaltungen. Dabei entsteht die eigentliche Breitenwirkung jetzt auf dem Gebrauchtwagenmarkt: Die Zahl junger Leasingrückläufer steigt, Preise sinken. Für viele Haushalte wird Elektromobilität damit erstmals erschwinglich.
Warum sich die E-Mobilität durchsetzen wird, ist am Ende kein ideologisches Argument, sondern technologischer und systemischer Natur: Elektrische Antriebe werden mit zunehmender Verbreitung günstiger und immer besser. Ein sog. „hocheffizienter“ Verbrenner hingegen wird immer komplexer und damit teurer. Der Trend lässt sich nicht zurückdrehen – unabhängig von Förderprogrammen oder Wahlperioden.
Ausblick auf 2026: Vom Rechtfertigen zum Gestalten
2026 könnte das Jahr werden, in dem sich der Ton der Energiepolitik endgültig wandelt. Weg vom ständigen Rechtfertigen, hin zum selbstbewussten Gestalten. Denn die technischen Lösungen sind vorhanden. Die ökonomischen Argumente sind stärker denn je. Und auch das politische Bewusstsein – einschließlich der Anerkennung vergangener Fehler – ist parteiübergreifend gewachsen.
Der gesellschaftliche Konsens verschiebt sich: Nicht mehr über das Ob, sondern über das Wie der Energiewende wird gestritten. Und das ist gut so. Denn grundlegende Kurswechsel brauchen breiten Rückhalt, der aus Einsicht entsteht und nicht aus Druck. Diese Einsicht ist da. Jetzt gilt es, sie konsequent zu nutzen.
Eine tagesaktuelle Ergänzung
Es ist immer schön, wenn man auf seinem Weg bestätigt wird. Ganz aktuell finde ich diese etwas zynische Bestätigung in zwei ganz unterschiedlichen Situationen: Der Venezuela-Krise und dem Brandanschlag in Berlin.
Die geopolitische Lage in Venezuela erinnert uns daran, wie fragil fossile Abhängigkeiten bleiben: Politische Instabilität, Sanktionen oder Machtkonflikte in bzw. um Förderländern wirken unmittelbar auf Preise, Versorgungssicherheit und außenpolitische Handlungsfähigkeit. Jede vermiedene Tonne Öl oder Gas aus solchen Regionen ist deshalb ein Gewinn an staatlicher Souveränität.
Gleichzeitig rückte zum Jahreswechsel die Verwundbarkeit unserer eigenen Infrastruktur in den Fokus. Der Brandanschlag auf Strominfrastruktur in Berlin zeigt, dass Energieversorgung längst auch eine Frage innerer Sicherheit ist. Gerade solche Ereignisse unterstreichen den Wert eines dezentralen Systems: Je stärker Erzeugung verteilt ist, desto geringer ist die Abhängigkeit von einzelnen Knotenpunkten und desto robuster reagiert das Gesamtsystem auf Störungen. In Deutschland sind inzwischen rund 3,7 Millionen Photovoltaikanlagen installiert, der überwiegende Teil davon im dezentralen Bereich. Über 80 % der PV-Leistung hängt an den Verteilnetzen – also genau dort, wo Strom verbraucht wird. Zwei Millionen Batteriespeicher sind in deutschen Haushalten bereits in Betrieb, Tendenz stark steigend. Diese Entwicklung verändert die Statik des Stromsystems. Statt weniger großer Einspeisepunkte entsteht ein Netz aus tausenden kleinen Quellen. Die Ausfallsicherheit steigt, weil Störungen nicht mehr das gesamte System betreffen. Lokale Erzeugung, Eigenverbrauch und Speicher reduzieren Lastspitzen und entlasten Übertragungsnetze.
Aus dieser Perspektive wird nochmals sehr deutlich: Die Energiewende macht Deutschland nicht nur klimafreundlicher und wirtschaftlich stabiler, sondern auch geopolitisch unabhängiger und infrastrukturell resilienter. In einer Welt wachsender Unsicherheiten ist das ein zentraler strategischer Vorteil. Dass diese Argumente zum Jahreswechsel so schmerzhaft klar auf dem Tisch liegen, stimmt mich optimistisch.